Interim oder Festanstellung: die richtige Wahl treffen
Wenn eine Schlüsselposition vakant wird — sei es durch Kündigung, Wachstum oder Reorganisation —, steht jedes Unternehmen vor derselben grundlegenden Frage: Brauchen wir jemanden dauerhaft, oder lösen wir das Problem besser mit einem Interim-Manager? Die Antwort erscheint auf den ersten Blick offensichtlich, ist es aber selten. In der Praxis sehen wir, dass Unternehmen diese Entscheidung erstaunlich oft aus dem Bauch heraus treffen — und sie ebenso oft bereuen.
In diesem Beitrag möchte ich beide Modelle ehrlich gegenüberstellen: Wann ist Interim die richtige Wahl, wann Festanstellung, und was kostet es wirklich — nicht nur in Euro, sondern auch in Zeit, Risiko und Organisationsenergie.
Was ein Interim-Manager ist — und was nicht
Beginnen wir mit einer Klarstellung, denn der Begriff wird oft unscharf verwendet. Ein Interim-Manager ist keine Zeitarbeitskraft und kein Berater. Es handelt sich um eine erfahrene Führungskraft — typischerweise mit fünfzehn bis fünfundzwanzig Jahren Berufserfahrung —, die für einen begrenzten Zeitraum eine operative Verantwortung übernimmt, als wäre sie fest angestellt. Der Unterschied: Es gibt keinen unbefristeten Vertrag, keine Kündigungsfrist im klassischen Sinne und kein Anspruchsdenken auf eine Karriere im Unternehmen.
Typische Einsatzszenarien sind Überbrückungen (der alte CFO ist gegangen, der neue noch nicht da), Transformationsprojekte (Post-Merger-Integration, ERP-Einführung, Restrukturierung) und Situationen, in denen spezifisches Wissen benötigt wird, das im Unternehmen nicht vorhanden ist und auch nicht dauerhaft gebraucht wird.
In Deutschland hat sich der Interim-Markt in den vergangenen zehn Jahren professionalisiert. Was einst eine Nische für Manager in der Karrierepause war, ist heute ein eigenständiger Berufsweg mit spezialisierten Providern, standardisierten Tagessätzen und einer wachsenden Akzeptanz in Vorstandsetagen. Laut DDIM (Dachgesellschaft Deutsches Interim Management) wurden 2024 rund 17.000 Interim-Manager in Deutschland eingesetzt — Tendenz steigend, trotz der allgemeinen Marktverlangsamung.
Der ehrliche Kostenvergleich
Der häufigste Einwand gegen Interim: „Das ist doch viel teurer." Stimmt das? Nicht so pauschal, wie die meisten denken. Vergleichen wir die realen Kosten einer Finance-Führungskraft auf Senior-Niveau:
| Kostenposition | Festanstellung (p.a.) | Interim (12 Monate) |
|---|---|---|
| Grundgehalt / Tagessatz | €180.000 | €264.000 (€1.200/Tag × 220) |
| AG-Sozialabgaben (~21 %) | €37.800 | €0 |
| Bonus (Ø 25 %) | €45.000 | €0 |
| bAV / Benefits | €12.000 | €0 |
| Dienstwagen / Zuschüsse | €15.000 | €0 |
| Vermittlungshonorar (25 %) | €45.000 | — |
| Gesamtkosten Jahr 1 | €334.800 | €264.000 |
In Jahr eins ist der Interim-Manager in diesem Beispiel sogar günstiger — weil die Vermittlungsgebühr, Sozialabgaben, Bonus und Benefits wegfallen. Ab Jahr zwei dreht sich das Verhältnis um, weil die einmalige Vermittlungsgebühr entfällt und der Tagessatz des Interim-Managers weiterläuft. Die Faustregel: Bis zu zwölf Monaten ist Interim oft kostengleich oder günstiger. Darüber hinaus wird die Festanstellung wirtschaftlicher.
Wann Interim die richtige Wahl ist
Basierend auf unserer Erfahrung mit über 300 Interim-Vermittlungen empfehlen wir dieses Modell in fünf klaren Situationen:
- Überbrückung: Die Position ist kritisch, aber die Suche nach einer dauerhaften Besetzung braucht Zeit. Ein Interim-Manager hält den Betrieb aufrecht, während Sie in Ruhe die richtige Person finden. Das ist die häufigste Einsatzform und die mit der klarsten Kosten-Nutzen-Rechnung.
- Transformation und Sonderprojekte: ERP-Einführungen, Post-Merger-Integrationen, Restrukturierungen — Projekte, die eine erfahrene Hand brauchen, aber ein klares Ende haben. Hier wird der Interim-Manager nicht für eine laufende Funktion gebraucht, sondern für ein definiertes Ergebnis.
- Krise und Sanierung: Wenn ein Unternehmen in Schieflage ist, braucht es schnell jemanden, der Krisen kennt — nicht in drei Monaten, sondern in drei Tagen. Interim-Manager mit Sanierungserfahrung sind für genau diese Situationen ausgebildet und bringen eine Objektivität mit, die interne Besetzungen selten haben.
- Spezialwissen auf Zeit: IFRS-Umstellung, CSRD-Implementierung, Treasury-Aufbau — wenn Sie ein Fachwissen brauchen, das Ihr Unternehmen nicht dauerhaft benötigt, ist ein Interim-Spezialist effizienter als eine Festanstellung mit anschließender Unterforderung.
- Unsicherheit über die Rollengestaltung: Wenn Sie selbst noch nicht genau wissen, wie die Rolle langfristig aussehen soll, kann ein Interim-Manager die Position „austesten" und Ihnen helfen, das Profil für die dauerhafte Besetzung zu schärfen.
Wann Festanstellung die richtige Wahl ist
Interim ist kein Ersatz für eine durchdachte Personalstrategie, und in vielen Situationen ist die Festanstellung klar überlegen:
- Wenn Kontinuität entscheidend ist. Rollen, die stark auf Beziehungen basieren — ein CFO, der das Vertrauen des Aufsichtsrats braucht, ein General Counsel, der die regulatorische Geschichte des Unternehmens kennen muss — profitieren von Stabilität. Hier zahlt sich die Investition in eine dauerhafte Besetzung fast immer aus.
- Wenn Kulturpassung wichtiger ist als Tempo. Ein Interim-Manager bringt Kompetenz mit, aber er wird nie Teil der Unternehmenskultur in der Art, wie es eine feste Führungskraft wird. Für Rollen, in denen kulturelle Integration entscheidend ist, ist die Festanstellung der bessere Weg.
- Wenn der Zeithorizont offen ist. Jede Aufgabe, die kein absehbares Ende hat, spricht für eine Festanstellung. Interim-Manager sind am besten, wenn das Ziel klar definiert und zeitlich begrenzt ist.
- Wenn das Budget langfristig reicht. Ab dem zweiten Jahr ist die Festanstellung fast immer günstiger. Wenn Sie wissen, dass Sie die Rolle dauerhaft brauchen und das Budget dafür haben, verschieben Sie die Kosten nur nach hinten, indem Sie erst interim und dann fest besetzen.
Der hybride Ansatz
In der Praxis empfehlen wir immer häufiger eine Kombination: einen Interim-Manager, der sofort beginnt und die operative Kontinuität sichert, während parallel die Suche nach einer dauerhaften Besetzung läuft. Dieser Ansatz kostet etwas mehr, vermeidet aber den teuersten Fehler: unter Zeitdruck die falsche Person fest einzustellen, nur weil die Position dringend besetzt werden muss.
Die besten Interim-Manager tragen aktiv zum Übergabeprozess bei — sie dokumentieren Abläufe, identifizieren Prioritäten und helfen, das Profil für ihren Nachfolger zu definieren. Ein guter Interim-Manager macht sich selbst überflüssig; das ist der Maßstab.
Häufige Fehler bei der Entscheidung
In unserer Beratungspraxis sehen wir immer wieder dieselben Fehler bei der Wahl zwischen Interim und Festanstellung. Die drei häufigsten:
- Den Interim-Einsatz als Sparmaßnahme verstehen. Interim ist kein billiges Modell — es ist ein schnelles, flexibles. Unternehmen, die Interim wählen, weil sie glauben, damit Geld zu sparen, sind fast immer enttäuscht. Die Stärke des Modells liegt in Geschwindigkeit und Spezialwissen, nicht im Preis.
- Die Festanstellung unter Zeitdruck erzwingen. Wir haben Unternehmen begleitet, die lieber den zweitbesten Kandidaten fest eingestellt haben, als drei Monate auf den richtigen zu warten — mit einem Interim-Manager als Brücke. In fast jedem dieser Fälle hat der Kompromisskandidat die Probezeit nicht überstanden. Der vermeintlich schnelle Weg wird zum teuersten.
- Die kulturelle Dimension unterschätzen. Ein Interim-Manager ist ein Profi, der weiß, wie man sich schnell in Organisationen einfügt. Aber er wird nie die Tiefe an institutionellem Wissen und persönlichen Beziehungen aufbauen, die eine feste Führungskraft nach zwei oder drei Jahren hat. Für Rollen, in denen diese Tiefe entscheidend ist, gibt es keine Abkürzung.
Wie Lindner Personal beide Modelle anbietet
Wir vermitteln sowohl Festanstellungen als auch Interim-Manager — und beraten ehrlich, welches Modell in Ihrer Situation das richtige ist. Unsere Interim-Führungskräfte sind innerhalb von drei bis fünf Arbeitstagen einsatzbereit; für Festanstellungen liegt unser Median bei 26 Tagen bis zum Angebot. In beiden Fällen arbeiten Sie mit einem einzigen Senior-Berater, der Ihren Bedarf versteht und den Markt kennt.
Wenn Sie vor dieser Entscheidung stehen oder einfach einen strukturierten Kostenvergleich für Ihre konkrete Situation wünschen, sprechen Sie mit uns. Das Erstgespräch ist vertraulich und unverbindlich.