Marktbericht

Der Einstellungsmarkt 2024 — und was er uns gelehrt hat

Das Jahr 2024 war das Jahr, in dem der deutsche Einstellungsmarkt einen Gang zurückgeschaltet hat. Nicht dramatisch, nicht krisenhaft — aber spürbar und auf eine Weise, die viele Unternehmen und Kandidaten überrascht hat. Wer die vergangenen drei Jahre als die neue Normalität angenommen hatte — Fachkräftemangel, steigende Gehälter, Kandidaten mit drei Angeboten in der Hand — wurde eines Besseren belehrt. Die Verlangsamung war real, und sie hat Spuren hinterlassen.

Als Personalberatung haben wir diesen Markt nicht nur beobachtet, sondern täglich in ihm gearbeitet. In diesem Beitrag möchte ich ehrlich bilanzieren, was 2024 passiert ist, welche Branchen besonders betroffen waren und — wichtiger noch — was Unternehmen und Kandidaten aus diesem Jahr für 2025 und darüber hinaus lernen sollten.

Was die Zahlen sagen

Beginnen wir mit den Fakten. Laut Bundesagentur für Arbeit ging die Zahl der gemeldeten Stellen im Jahresverlauf 2024 um etwa vierzehn Prozent zurück. Die Arbeitslosenquote stieg leicht, von 5,7 auf 6,0 Prozent. Kein Drama auf den ersten Blick — aber hinter den Durchschnittszahlen verbergen sich erhebliche Branchenunterschiede und eine deutliche Veränderung im Verhalten von Arbeitgebern und Kandidaten.

Unsere eigenen Daten zeigen ein differenzierteres Bild: Die Zahl der Neumandate ging gegenüber 2023 um neunzehn Prozent zurück, aber die Qualität der Suchen nahm zu. Unternehmen stellten weniger ein, dafür gezielter. Die durchschnittliche Besetzungszeit stieg um acht Tage — nicht weil es an Kandidaten mangelte, sondern weil Entscheidungsprozesse langsamer wurden und Budgetfreigaben schwieriger zu bekommen waren.

Mandate 2023100 %
Mandate 2024−19 %

Welche Branchen besonders betroffen waren

Die Verlangsamung traf nicht alle gleich. Am stärksten betroffen waren Branchen, die in den Jahren zuvor am aggressivsten eingestellt hatten — und die jetzt die Konsequenzen einer Überexpansion spürten.

  • Technologie & SaaS: Die Korrektur, die in den USA bereits 2023 begonnen hatte, erreichte den deutschen Markt 2024 mit voller Wucht. Headcount Freezes, Entlassungen bei wachstumsfinanzierten Unternehmen und ein deutlich gestiegener Wettbewerb um verbleibende Positionen prägten das Jahr. Besonders betroffen: mittlere Management-Ebenen, die in der Wachstumsphase aufgebaut wurden und nun als „Overhead" galten.
  • Finanzdienstleistungen: Hier war das Bild gespalten. Investmentbanking und Asset Management verlangsamten spürbar, während Compliance, Risk und regulatorische Rollen weiterhin stark nachgefragt waren. Die BaFin-Verschärfungen und die Vorbereitung auf CSRD-Berichtspflichten sorgten dafür, dass bestimmte Finance-Profile gerade in der Verlangsamung noch stärker gesucht wurden.
  • Industrie & Automotive: Die Transformation hin zur Elektromobilität und der Druck auf Zulieferer sorgten für eine paradoxe Situation: Stellenabbau in traditionellen Bereichen bei gleichzeitigem Fachkräftemangel in Software, Batterie und Digitalisierung. Die Unternehmen, die einstellten, suchten fundamental andere Profile als noch vor drei Jahren.
  • Healthcare & Pharma: Diese Branche erwies sich als vergleichsweise resilient. Die demografische Entwicklung, der Post-Covid-Investitionsschub und die Pipeline neuer Therapien hielten die Nachfrage nach Führungskräften relativ stabil, wenngleich auf niedrigerem Niveau als 2022 und 2023.
Die Verlangsamung war kein Rückfall in die Krise. Sie war eine Normalisierung — eine Rückkehr zu einem Markt, in dem nicht jede Einstellung ein Notfall ist und nicht jeder Kandidat fünf Angebote bekommt. Für Personalberater wie für Unternehmen ist das letztlich ein gesünderes Umfeld.

Die Gehaltseffekte

Die Verlangsamung hat sich auch auf die Gehaltsentwicklung ausgewirkt, wenngleich mit Verzögerung. Die zweistelligen Gehaltssteigerungen bei Jobwechseln, die 2022 und 2023 in vielen Segmenten Standard waren, sind 2024 seltener geworden. Unsere Daten zeigen einen medianen Gehaltsaufschlag bei Wechseln von zwölf Prozent — gegenüber achtzehn Prozent im Vorjahr. Das ist immer noch deutlich über der allgemeinen Tarifentwicklung, aber es ist eine Korrektur, die sich auf die Erwartungen beider Seiten auswirkt.

Für Arbeitgeber bedeutet das: Die Zeiten, in denen Kandidaten mit unrealistischen Gehaltsforderungen verhandelten, sind in den meisten Segmenten vorbei. Gleichzeitig sollte man diesen Effekt nicht überschätzen — für wirklich knappe Profile (CFOs, Compliance-Leiter, KI-Experten) waren die Gehälter auch 2024 ungebrochen auf Rekordniveau.

Was Arbeitgeber daraus lernen sollten

Die wichtigste Lektion aus 2024 ist, dass der Einstellungsmarkt zyklisch ist — und dass Unternehmen, die ihre Personalstrategie nur auf den Moment ausrichten, in beiden Richtungen verlieren. Im Boom überzahlen sie und stellen zu schnell ein; in der Verlangsamung stoppen sie zu abrupt und verlieren die besten Kandidaten an Wettbewerber, die antizyklisch denken.

Konkret empfehlen wir drei Dinge:

  • Hören Sie nicht auf, strategische Rollen zu besetzen. Die Verlangsamung hat eines deutlich gemacht: Die Unternehmen, die 2024 weiter in Schlüsselpositionen investiert haben — CFOs, Compliance-Leiter, Digitalverantwortliche — gehen stärker in 2025 als diejenigen, die pauschal den Einstellungsstopp verhängt haben. Ein Headcount Freeze ist das stumpfeste Instrument im Werkzeugkasten.
  • Nutzen Sie den Moment für Qualität. In einem langsameren Markt haben Sie Zugang zu Kandidaten, die in Boomzeiten nicht verfügbar gewesen wären. Die besten Einstellungen, die wir 2024 begleitet haben, waren solche, bei denen Unternehmen die Verlangsamung als Gelegenheit genutzt haben, Positionen besser zu besetzen als in den hektischen Jahren zuvor.
  • Überprüfen Sie Ihr Employer Branding. Wenn der Markt sich dreht, müssen Sie als Arbeitgeber wieder überzeugen. Die Zeiten, in denen eine Stellenanzeige auf LinkedIn zu hundert Bewerbungen führte, sind in manchen Segmenten zurück — aber für Senior-Positionen war und ist ein passiver, abwartender Ansatz zum Scheitern verurteilt.

Was Kandidaten daraus lernen sollten

Für Kandidaten war 2024 ein Weckruf. Nach drei Jahren, in denen der Arbeitsmarkt fest in Kandidatenhand lag, verschoben sich die Machtverhältnisse. Nicht fundamental, nicht auf Dauer — aber genug, um diejenigen zu überraschen, die geglaubt hatten, dass der Fachkräftemangel sie unverwundbar macht.

  • Pflegen Sie Ihr Netzwerk, bevor Sie es brauchen. Die Kandidaten, die 2024 am schnellsten und besten eine neue Position gefunden haben, waren nicht die mit dem besten Lebenslauf — sondern die mit den besten Beziehungen zu Personalberatern, ehemaligen Kollegen und Branchenkontakten. Ein Netzwerk, das man erst in der Krise aktiviert, funktioniert nicht.
  • Seien Sie realistisch beim Gehalt. Die dramatischen Gehaltssprünge von zwanzig bis dreißig Prozent bei einem Wechsel, die 2022 und 2023 möglich waren, sind die Ausnahme geworden. Ein realistischer Aufschlag liegt 2025 bei zehn bis fünfzehn Prozent, abhängig von Rolle und Branche. Das ist immer noch ein guter Wechselgrund — aber nicht der einzige, den Sie haben sollten.
  • Unterschätzen Sie die Probezeit nicht. In einem vorsichtigeren Markt schauen Arbeitgeber genauer hin, ob eine Neueinstellung ihre Versprechen hält. Die Probezeit ist kein Formalismus, sondern eine echte Bewährungsperiode. Investieren Sie in die ersten hundert Tage.

Die regionalen Unterschiede

Ein häufig übersehener Aspekt der Verlangsamung 2024 ist, wie unterschiedlich sie die deutschen Standorte getroffen hat. Frankfurt, stark abhängig von Finanzdienstleistungen, spürte die Zurückhaltung der Banken direkt. München, mit seinem Mix aus Automotive, Technologie und Versicherung, erlebte eine differenziertere Entwicklung — Rückgänge in der Automobilindustrie wurden teilweise durch Nachfrage aus dem KI- und Halbleiterbereich kompensiert.

Berlin, traditionell der stärkste Standort für Technologie und Start-ups, war von den Entlassungswellen am stärksten betroffen. Gleichzeitig blieb die Stadt der dynamischste Markt für Neueinstellungen im Digitalbereich — ein Paradox, das sich durch die hohe Fluktuation und die schnelle Neugründungsrate erklärt. Hamburg und Düsseldorf zeigten sich vergleichsweise stabil, getragen von den jeweiligen Kernindustrien Handel und Logistik bzw. Beratung und Telekommunikation.

Was wir als Personalberatung gelernt haben

Auch für uns als Lindner Personal war 2024 ein Jahr der Anpassung. Die Verlangsamung hat uns drei Dinge bestätigt, die wir schon lange vermuteten:

  • Geschwindigkeit ohne Qualität ist wertlos. In den Boomjahren war der Druck, Stellen schnell zu besetzen, enorm. 2024 hat gezeigt, dass die Mandate, die wir mit der größten Sorgfalt besetzt haben, die geringste Fluktuation aufweisen. Die Versuchung, schnell statt richtig zu besetzen, ist in einem verlangsamten Markt geringer — und das ist gut.
  • Beratung schlägt Vermittlung. Die Mandanten, die uns 2024 am meisten geschätzt haben, waren nicht diejenigen, für die wir am schnellsten besetzt haben — sondern diejenigen, denen wir ehrlich von einer Neueinstellung abgeraten haben, weil eine interne Lösung oder eine Umstrukturierung sinnvoller war. Die beste Personalberatung ist manchmal die, die keine Rechnung stellt.
  • Der Markt belohnt langfristige Beziehungen. Personalberatungen, die nur transaktional arbeiten — heute ein Mandat, morgen das nächste —, haben 2024 am stärksten gelitten. Die Beziehungen, die wir über Jahre aufgebaut haben, zu Mandanten wie zu Kandidaten, haben uns durch die Verlangsamung getragen.

Wie es 2025 weitergeht

Wir sehen klare Anzeichen dafür, dass sich der Markt stabilisiert. Die Mandate, die wir im vierten Quartal 2024 und im Januar 2025 erhalten haben, sind qualitativ stark und deutlich zielgerichteter als ein Jahr zuvor. Unternehmen stellen wieder ein — aber selektiver, mit höheren Anforderungen und längeren Entscheidungswegen.

Besonders auffällig ist die steigende Nachfrage nach Führungskräften mit regulatorischer Kompetenz — CSRD, ESG, Datenschutz und KI-Governance sind die Themen, die nahezu jede Branche durchziehen. Wer in diesen Bereichen Erfahrung mitbringt, wird 2025 einen deutlich leichteren Wechsel haben als noch vor zwei Jahren.

Drei Branchen sehen wir besonders positiv: Healthcare und Pharma profitieren weiterhin von demografischen Megatrends und Innovationspipelines. Der Bereich Compliance und Risk Management wird durch regulatorische Verschärfungen strukturell gestärkt. Und im Segment Interim Management sehen wir eine Verschiebung — Unternehmen, die 2024 Einstellungsstopps verhängt haben, kompensieren jetzt mit erfahrenen Interim-Führungskräften, um strategische Lücken zu schließen, ohne langfristige Kostenverpflichtungen einzugehen.

Die wichtigste Erkenntnis aus 2024: Die besten Karrieren und die besten Unternehmen werden nicht in Boomzeiten gebaut, sondern in den Jahren, in denen Disziplin, Qualität und langfristiges Denken sich auszahlen. 2024 war so ein Jahr.

Unsere Prognose: 2025 wird kein Boom, aber ein solides, professionelles Jahr für Einstellungen. Die Unternehmen, die 2024 ihre Hausaufgaben gemacht haben — Strukturen verschlankt, Prozesse verbessert, strategische Lücken identifiziert — werden die Gewinner sein. Und die Kandidaten, die ihre Karriere auch in schwierigeren Zeiten aktiv gestalten, werden die besten Positionen besetzen.

Wenn Sie eine Einschätzung zu Ihrem Bereich wünschen — als Arbeitgeber oder als Kandidat —, sprechen Sie mit uns. Ein erfahrener Berater gibt Ihnen eine ehrliche, vertrauliche Markteinschätzung. Für Kandidaten ist das wie immer kostenlos.

Markus Lindner
Markus Lindner
Geschäftsführer & Gründer · Lindner Personal
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